aktuelle Themen
Wir bieten Ihnen monatlich einen Beitrag über praxisrelevante Themen zur Reproduktionstoxikologie.
Jodprophylaxe in der Schwangerschaft
Der Jodidbedarf steigt in der Schwangerschaft auf ca. 260 µg/d an.
Da dieser Bedarf in den Jodmangelgebieten Deutschland, Österreich und Schweiz meistens nicht über die Nahrung gedeckt werden kann, ist die zusätzliche Einnahme von Jodid 200 µg/d in der Schwangerschaft zu empfehlen.
Die embryonale Schilddrüse nimmt ihre Aktivität zwischen der 10. und 12.SSW auf.
Da Schilddrüsenhormone für die Reifung des Zentralnervensystems dringend erforderlich sind, sollte eine ausreichende Jodidzufuhr für die Produktion der fetalen Schilddrüsenhormone gewährleistet sein.
Eine große klinische Studie in China ergab, dass sich zerebrale Defizite aufgrund eines Jodmangels vor allem durch Jodgabe bis zum Ende des zweiten Schwangerschaftsdrittels vermeiden lassen.
Eine Exposition mit exzessiven Joddosen kann ebenfalls eine fetale Schilddrüsenunterfunktion auslösen.
Angst vor Fehlbildungen nach Medikamenteneinnahme
Wo kann die vorgeburtliche Diagnostik weiterhelfen?
Die moderne Pränataldiagnostik erlaubt bei vielen Medikamentenexpositionen mit einem fruchtschädigenden Potential einen zuverlässigen Fehlbildungsausschluss.
Klärt man eine Schwangere über eine Fehlbildungsgefahr nach einer erfolgten Arzneimittelanwendung in der Frühschwangerschaft auf, sollte man ihr ein gezieltes Screening in einem entsprechenden Zentrum anbieten. Neuralrohrdefekte, Herzfehler oder Extremitätendefekte sind typische Beispiele für Anomalien, die einer Diagnostik mit hochauflösenden Ultraschallgeräten gut zugänglich sind.
Nach folgenden Arzneimittelanwendungen ist eine Fehlbildungsdiagnostik durch Ultraschall sinnvoll:
Antikonvulsiva: Bei Epileptikerinnen sind unter verschiedensten Medikationen Ge-sichtsfehlbildungen, Extremitätenveränderungen und Retardierungen beschrieben. Bei Carbamazepin und Valproinsäure ist speziell auf Neuralrohrdefekte zu achten (1 bis 2%).
Antiphlogistika: Lässt sich eine hochdosierte Dauertherapie mit nichtsteroidalen An-tiphlogistika im letzten Schwangerschaftsdrittel nicht vermeiden, sollte eine sonographi-sche Kontrolle auf vorzeitigen Verschluß des Ductus arteriosus Botalli erfolgen.
Kumarinderivate (Phenprocoumon, Warfarin, Acenocoumarol): Ein Teil der beim War-farin-Syndrom beschriebenen Fehlbildungen lässt sich sonographisch erkennen, so dass sich das unter Warfarin beschriebene Fehlbildungsrisiko von ca. 14% weiter ein-schränken lässt: Bei ca. 50% der geschädigten Kinder treten Extremitätenhypoplasien unterschiedlicher Schweregrade auf, ein weiteres Kriterium ergibt sich aus der häufigen Hypoplasie der Nase.
Lithium: Aufgrund älterer Publikationen wurde dem Lithium eine erhöhte Rate an Herz-fehlern angelastet, was anhand neuerer prospektiv erhobener Daten angezweifelt wird. Zumindest sollte jedoch einer exponierten Patientin ein fetales Herzechokardiogramm angeboten werden, da insbesondere etliche Fälle der sonst seltenen Ebstein-Anomalie beschrieben sind.
Retinoide: Die überwiegend zur Aknetherapie eingesetzten Vitamin-A-Säure-Derivate stellen nach Thalidomid die gravierendste fruchtschädigende Substanz unter den Medi-kamenten dar. Die schwerwiegendsten Defekte entstehen im Bereich des Zentralner-vensystems, was sich sonographisch nicht ausreichend erfassen lässt. Störungen von Gesichts- und Gaumenbildung sowie Defekte, die der sonographischen Diagnostik bes-ser zugänglich sind, spielen demgegenüber nur eine untergeordnete Rolle.
Bei vielen neueren Präparaten, bei denen lediglich Daten aus Tierversuchen vorliegen, sollte der Schwangeren eine eingehende sonographische Diagnostik angeboten werden, um die Ängste zu reduzieren, die häufig aufgrund der Angaben auf den Beipackzetteln entste-hen.
Bei Medikation mit Substanzen, die für ein erhöhtes Neuralrohrdefektrisiko verantwortlich gemacht werden (z.B. Valproinsäure, Carbamazepin) sollte zusätzlich um die 16.SSW das Alpha-Fetoprotein aus dem mütterlichen Serum bestimmt werden.
Häufig werden Patientinnen nach Medikamentenexposition im Embryonalstadium Frucht-wasserpunktionen zur Abklärung einer eventuellen Schädigung angeboten. Da jedoch nur in wenigen Fällen mit einem Einfluss eines Medikamentes auf den Chromosomensatz zu rechnen ist, kann man eine invasive Diagnostik aus diesem Grunde nicht rechtfertigen. Ei-ne Chromosomenanalyse sollte lediglich bei Anwendung von Zytostatika oder Radionukli-den innerhalb von 6 Monaten vor Empfängnis bei einem der Partner erwogen werden. Da der Chromosomensatz bei der Konzeption feststeht, sind Veränderungen nach Medikamen-tenanwendung in der Frühschwangerschaft ohnehin nicht zu erwarten. Marker für Neural-rohrdefekte aus dem Fruchtwasser (Alpha-Fetoprotein, Acetylcholinesterase) lassen sich durch sonographische Spezialdiagnostik in Kombination mit mütterlichem Serum-Alpha-Fetoprotein ersetzen.


