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09.08.2017
Hospiz Schussental

„Von Sterbenden fürs Leben lernen“

RAVENSBURG - Maria Nagel-Hoffbauer (55) hat lange Jahre ihre Eltern gepflegt und möchte, nachdem die Kinder aus dem Haus sind, mit ihrer Erfahrung Schwerkranken und Sterbenden eine Hilfe sein. Im Januar begann sie eine Ausbildung in der ambulanten Hospizgruppe Ravensburg. Derzeit hospitiert sie im Hospiz Schussental.


Annemarie Sutterlüty aus Bregenz genießt ihre Schnuppertage im Hospiz Schussental. Foto: Andrea Reck/St. Elisabeth-Stiftung

Sie traf sich dort an einem Abend pro Woche und an sechs Wochenenden, um sich intensiv mit bestimmten Themen auseinanderzusetzen: Krankheit, Sterben, Trauer, Selbst- und Fremdwahrnehmung, ethische, spirituelle und juristische Fragen am Ende des Lebens. Vorausgegangen war ein ausführliches Gespräch mit der Koordinatorin über ihre Motivation für die Sterbebegleitung. Obwohl sie in einer ambulanten Hospizgruppe mitarbeitet, macht sie derzeit ein Praktikum im Hospiz Schussental der St. Elisabeth-Stiftung in Ravensburg.

Praktikantin ist auch die Österreicherin Annemarie Sutterlüty (61) aus Bregenz, wo in Kürze ein stationäres Hospiz entstehen soll. Zusammen mit dem Einrichtungsleiter Thomas Radau sitzen die beiden Frauen im Raum der Stille des hellen, modern eingerichteten Seitenflügels des ehemaligen St. Nikolaus-Kinderkrankenhauses. Hier werden bis zu acht schwerstkranke und sterbende Menschen begleitet, für die eine Behandlung im Krankenhaus nicht mehr sinnvoll ist, die aber nicht zu Hause leben können.

Das Profi-Team um Thomas Radau ist dankbar für die Ehrenamtlichen. Sie lesen den Kranken vor, machen Spaziergänge, Botengänge oder hören einfach zu. Annemarie Sutterlüty, Sozialarbeiterin und Bewährungshelferin aus Vorarlberg, merkt man die Erfahrung im Umgang mit Menschen an. Auf die Frage, wie sie mit Schwerkranken Kontakt aufnimmt, lächelt sie: „Manchmal nehme ich Bezug zu Fotos oder Zeichnungen am Bett. Dann spüre ich ein Leuchten oder ein Lächeln. Mitunter deuten die Kranken aber auch an, dass man gehen soll.“ Sie stimmt der deutschen Hospizbegleiterin zu, die sagt: „Ich empfinde die Arbeit in der Hospizgruppe als Geschenk, sie ist eine Bereicherung für mich. In Vorarlberg gibt es die Einrichtung Hospiz noch nicht so lange. Super, dass ich in Deutschland ein Praktikum machen kann“. Sie kommt für ihr Praktikum vier Tage lang je fünf Stunden ins Hospiz Schussental; für Thomas Radau ein gutes Beispiel, wie eng vernetzt die Hauptberuflichen und die Ehrenamtlichen in der gesamten Region sind.

Austausch findet auch Maria Nagel-Hoffbauer wichtig: „Wir lernen schon im Kurs, auch auf unsere Bedürfnisse zu achten. Das kann man üben. Manchmal verarbeitet man in der Gruppe eigene Probleme. Wobei wir diese nicht ans Bett des Sterbenden tragen.“ Beide Frauen haben eine christliche Motivation. „Ohne spirituellen Hintergrund ist die Arbeit schwieriger“, pflichtet Thomas Radau bei. „Gleichzeitig ist eine rein religiöse Motivation auch fehl am Platz. Druck durch missionarisches Auftreten wünschen sich unsere Gäste nicht. Sehr hilfreich hingegen ist für viele, dass sie mit den Ehrenamtlichen in Ruhe reden können. Verdrängte Konflikte werden thematisiert, sehr gute Gespräche kommen in Gang.“

Pflegerinnen und Pfleger sind rund um die Uhr für die Gäste im Hospiz da, betreuen und lindern Schmerzen. Ehrenamtliche Frauen und Männer stehen stundenweise bereit: helfen, trösten, begleiten. Bei der ambulanten Begleitung besuchen sie die Kranken zuhause oder im Pflegeheim, manchmal bis zu einem Jahr lang. „Hier im Hospiz haben sie das Team der Hauptamtlichen, das in schwierigen Situationen unterstützt. Ehrenamtliche, die nicht ganz so viel Nähe zulassen wollen, schätzen das. Sie haben auch das Gefühl, im Hospiz nicht so viel Verantwortung übernehmen zu müssen wie bei der ambulanten Begleitung “, erklärt Thomas Radau.

Die beiden Frauen stimmen zu. Neben Annemarie Sutterlüty steht ein Korb mit Steinen. Auf jedem ist der Name eines im Hospiz verstorbenen Gastes geschrieben. Sie nimmt einen in die Hand und streicht fast zärtlich über den Schriftzug. „Mich berührt, was für Geschichten und Erlebnisse die Menschen mit mir teilen“, sagt sie. „Von Sterbenden kann man lernen, was im Leben wichtig ist.“ Ähnlich geht es Maria Nagel-Hoffbauer: „Oft empfinde ich diese Begegnungen als Geschenk. Wenn mich Freunde oder Bekannte fragen, warum ich mir so etwas antue, sage ich: Ich möchte etwas fürs Leben lernen“.

 

INFO: Die St. Elisabeth-Stiftung betreibt neben dem Hospiz Schussental in Ravensburg das Hospiz Haus Maria in Biberach. www.st-elisabeth-stiftung.de