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23.10.2019
Heggbacher Werkstattverbund

Den Wandel der Arbeitswelt managen

BIBERACH – Kein Grund für Weltuntergangsstimmung, aber der Wandel muss richtig gemanagt werden - dies war der Tenor beim Fachtag „Arbeitswelten von morgen“ der St. Elisabeth-Stiftung.  130 Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren dazu in das Kompetenzzentrum Holzbau & Ausbau nach Biberach gekommen.

130 Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben den Fachtag „Arbeitswelten von morgen“ der St. Elisabeth-Stiftung besucht.


„Noch nie hat sich das Arbeitsleben so schnell gewandelt wie heute“, bemerkte Peter Wittmann, Vorstand der St. Elisabeth-Stiftung, in seiner Begrüßung. Als Arbeitgeber stehe man hier in großer Verantwortung. „Wir im Heggbacher Werkstattverbund“, erklärte dessen Geschäftsbereichsleiter Roland Hüber in seiner Einleitung zum Fachtag, „sehen die Veränderungen positiv, als Chance für die Zukunft.“ Der Heggbacher Werkstattverbund hatte für den Fachtag hochkarätige Experten aus den Bereichen Künstliche Intelligenz, Arbeitsforschung, Behindertenintegration, Philosophie und Betriebswirtschaft in Biberach versammelt. Sie gaben in Vorträgen und Workshops Antworten auf eine der derzeit drängendsten Fragen: Wie verändern die aktuellen Entwicklungen die Arbeitswelt? Wo liegen die Chancen, wo die Risiken?

Dr. Josephine Charlotte Hofmann, Leiterin „Team Zusammenarbeit und Führung“ am Fraunhofer-Institut für Arbeitswissenschaft und Organisation in Stuttgart zeigte „sehr viele Veränderungen, die mit großer Geschwindigkeit auf uns zukommen“ in ihrem Eröffnungsvortrag auf. Ihrer Erfahrung nach herrsche in den Unternehmen darüber noch eine relativ große Unsicherheit. Als trügerische Sicherheit könne sich sogar der grassierende Fachkräftemangel erweisen, der zuletzt viele Chancen auf dem Arbeitsmarkt eröffnet hat. Denn die Digitalisierung bedrohe selbst Jobs aus diesem Bereich. Sie nannte als Beispiel große Rechtsanwaltskanzleien, wo Cognitive Computing mittlerweile Recherchearbeiten übernehme.

Die Zusammenarbeit von Mensch und Maschine, führte Hofmann weiter aus, verändere die Tätigkeiten selbst, mache den Dienstort zunehmend mobil, lege aber ebenso die Axt an die herkömmlichen Organisationsstrukturen, die in vielen Bereichen bei Entscheidungen „zu langsam“ seien. Werde die Arbeit zunehmend flexibilisiert, stelle dies eine weitere Herausforderung für die Arbeitsorganisation dar. Zwar behielten Führungskräfte ihren Stellenwert, doch auch hier ergäben sich Herausforderungen, erlebten diesen ihren Job doch nicht selten als nicht mehr sonderlich attraktiv.

Gleichzeitig brächten die Veränderungen zukünftiger Arbeitsformen neue Berufe auch abseits des technischen Bereichs hervor, beispielsweise den „Beziehungsmanager“, der am Beziehungsgeflecht zwischen Kollegen arbeitet. Personennahe Dienstleistungen würden tendenziell in ihrer Bedeutung steigen, die laufende Weiterbildung der Beschäftigten ebenso.

Dass vor dem Hintergrund der zunehmenden Globalisierung und von „Industrie 4.0“ die bisherigen Strategien der Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM) unter Druck geraten, davon ist Holger Klein überzeugt. Der Vorstandsvorsitzende der Stiftung Lebenshilfe Zollernalb berichtete in seinem Workshop praxisnah von unmittelbaren Erfahrungen aus seiner Einrichtung.  Der Sozialpädagoge und Betriebswirt sieht für die Werkstätten einen „ganz schnell steigenden Veränderungsdruck“, weil die bisherige Strategie der Preisführerschaft  immer weniger aufgehe. Der Schlüssel für den besseren Weg läge in der Technologieführerschaft, doch hier hinkten Sozialunternehmen „klar hinterher“. Es fehle dort oft an Risikobereitschaft, sie seien „deutlich unterinvestiert“. Arbeit und Teilhabe gingen dort vor, „aber zu Lasten der Wirtschaftlichkeit“. Es sei aber nicht davon auszugehen, dass die öffentliche Hand künftig „mehr Geld ins System pumpen wird“. In Folge sehe er die Gefahr, dass sich im Feld der WfbMs zunehmend eine „konzeptionelle Schere“ unter den Einrichtungen ergebe.

Was die neuen Technologien betrifft, will Klein lieber den Spieß umdrehen. Sozialunternehmen dürften nicht „zu Getriebenen der Entwicklungen werden, sondern sollten die Geschwindigkeit mitbestimmen können“. Es gelte daher, die Fokussierung auf einfache, handwerkliche Arbeiten und die Fertigung einfacher Komponenten zu überwinden und die „Komfortzone, an der viele gerne festhalten wollten“, zu verlassen -denn deren Zenit sei überschritten. Große Chancen sieht er dagegen im Projektgeschäft, in der Fertigung von Systemkomponenten sowie im Bereich der Dienstleistungen, im Service, Handel, Logistik. Weitere Strategieansätze könnten seiner Einschätzung nach ferner in Eigen-Produkten liegen, in der Besetzung von Nischen und in der Generierung eines höheren Mehrwerts durch die Erledigung komplexerer Aufträge. Die Digitalisierung eröffnet seiner Erfahrung nach auch für Sozialunternehmen neue Arbeitsfelder, die es zu generieren gelte. Auch schlug er vor, die Inklusion anders zu steuern. Der inkludierende Ort könne ja auch die WfbM selbst sein, wo gemischte Teams von Leuten mit und ohne Handicaps zu bilden wären. Nach diesem Prinzip betreibt die Lebenshilfe Zollernalb eine Kaffeerösterei. Doch nicht nur Beharrungskräfte behinderten den Wandel, häufig läge die Ursache auch in der etablierten innerbetrieblichen Kultur. Sie vereitle, „auch mal was zu versuchen, auch auf die Gefahr des Scheiterns“ hin. Hinzu käme eine überbordende und vom Gesetzgeber verordnete Bürokratisierung, die Ressourcen binde „und uns von wichtigeren Dingen abhält“. Kleins Ausblick fiel ungeachtet dessen optimistisch aus. „Es gibt genügend Arbeit, es braucht nur die richtigen Zugänge.“ Die Risiken nähmen zwar zu, aber ebenso die Chancen.

Beim Workshop der Philosophin Dr. Galia Assadi, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Evangelischen Hochschule Nürnberg, ging es um den - überaus hohen - Stellenwert von Arbeit in unserer Gesellschaft. Die Chancen von Menschen mit Einschränkungen auf dem ersten Arbeitsmarkt würden ihrer Einschätzung nach durch die Wandel der Arbeitswelt „nicht unbedingt besser“. Sie warnte vor der Zweischneidigkeit des Wandels in der Arbeitswelt. Denn es gebe in der Gesellschaft ebenfalls „ein Bedürfnis nach Stabilität, Orientierung und Ordnung - wir müssen da eine Balance schaffen“. Digitalisierung könne einerseits die Teilhabe am Arbeitsmarkt erst ermöglichen, andererseits die menschliche Zuwendung doch nicht ersetzen - etwa im Bereich Pflege, wo der Einsatz von Robotik auf eine nur geringe Akzeptanz stoße.

Aus philosophischer Sicht wäre vor dem Einsatz neuer digitaler Technik vorher immer eine ethische Bewertung vorzunehmen, und zwar „immer abhängig vom Kontext“.  Denn „ist die Technik erst einmal drin, bringt man sie kaum mehr wieder raus“, brachte es Assadi auf den Punkt. Vorher zu klären etwa sei, wer die Verantwortung trägt, wenn die Technik mal versagt: Der Bediener oder Nutzer? Der Programmierer? Assadi, derzeit Wissenschaftliche Koordinatorin des Projekts „Complexethics“, ging dann vor allem auf dessen Ziel ein: die Entwicklung eines ethischen Orientierungsinstruments für komplexe, digitalisierte Welten, das jeder für die Beantwortung von Schlüsselfragen anfragen könne.

Auch in den anderen Workshops wurden spannende Denkanstöße und Entwicklungen für die Zukunft diskutiert. So referierte Bernhard Pflaum, Referatsleiter Inklusionsbetriebe für schwerbehinderte Menschen beim KVJS-Integrationsamt, über die Zukunft der Inklusionsunternehmen in einer von Technologie und Digitalisierung geprägten Arbeitswelt. Prof. Wolfgang Ertel, Physiker und Leiter des Instituts für Künstliche Intelligenz an der Hochschule Ravensburg- Weingarten, zeigte in seinem Workshop, welche Möglichkeiten und Chancen durch Systeme der Künstlichen Intelligenz in der Zukunft geboten werden.

Der Workshop von Petra Gaugisch, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fraunhofer IAO, drehte sich primär um einen Erfahrungstransfer zwischen bereits in der Altenhilfe eingesetzte Technik und deren Übertragbarkeit auf die Behindertenhilfe. Charlotte  Hofmann vertiefte in ihrem Workshop die bereits im Hauptvortrag dargestellten Fragestellungen in Bezug auf Menschen mit Unterstützungsbedarf.

Neben den Workshops gehörte auch der Auftritt der Heggbacher Trommlergruppe, die in den zurückliegenden Tagen ihr 10-jähriges Bestehen gefeiert hat, zum Rahmenprogramm des Fachtags.

Den Abschluss des mit Informationen gespickten Fachtags bildete der Auftritt des in München lebenden Wissenschaftskabarettisten, Autors, Speakers (Künstliche Intelligenz), Forschers (Doktor der Naturwissenschaften) und Poetry Slammers Dr. Jaromir Konecny. Er hob die künftig nach seiner Ansicht mehr denn je gefragten menschlichen Eigenschaften hervor, mit denen ein Roboter nicht konkurrieren könne: innovatives und analytisches Denken, emotionale Intelligenz, Kreativität, Initiative. Sein Ausblick war versöhnlich, aber mit einer Hintertüre versehen. „Wenn wir’s richtig anpacken, bringt die Digitalisierung interessante Arbeit, mehr Lebensqualität, Wohlstand für alle.“ Und wenn nicht? Dann gehe die gesellschaftliche Schere weiter auseinander.