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13.01.2021

Schule St. Franziskus möchte keine Sonderrolle

INGERKINGEN – Alle Schulen in Baden-Württemberg blieben nach den Ferien zumindest für eine Woche geschlossen, nur die Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren für geistige, körperliche und motorische Entwicklung, kurz SBBZ GENT und KMENT, öffneten sofort. Für Thomas Kehm, Leiter der Schule St. Franziskus in Ingerkingen, ist das nicht nachvollziehbar: Der organisatorische Aufwand sei sehr hoch, der Gesundheitsschutz trotz allen Engagements kaum zu gewährleisten. „Warum bekommen wir also diese Sonderrolle?“, fragen sich Kehm und seine Kollegen.

Thomas Kehm tüftelt daran, Gesundheitsschutz und Unterricht an der Schule St. Franziskus in Ingerkingen unter einen Hut zu bekommen. Foto: Schule St. Franziskus

 

„Es ist äußerst schwierig, mit unseren Schülern die Hygienemaßnahmen einzuhalten", nennt Thomas Kehm gleich den zentralen Punkt, weshalb er mit der Entscheidung des baden-württembergischen Kultusministeriums nicht einverstanden ist, sonderpädagogische Schulen mit den Förderschwerpunkten geistig und körperlich-motorische Entwicklung entgegen allen anderen Schulen gleich nach den Weihnachtsferien zu öffnen. Auch sein zweites Argument brennt dem Schulleiter in Ingerkingen auf den Nägeln: Unter seinen Schülern und Lehrkräften befänden sich etliche, die zu den Risikogruppen gehören. Was das bedeutet, hat er bereits vor den Weihnachtsferien erlebt, als es an seiner Schule einige Corona-Fälle gab. Denn Schüler mit Behinderung ließen sich eben nicht effektiv vor dem Corona-Virus schützen, weil die Hygienemaßnahmen der tagtäglichen Arbeit oftmals entgegenstehen. Beispiel Mundschutz: Viele der Schüler können keine Maske tragen. So können weder die Lehrer noch die Schüler vor einer Infektion geschützt werden. Oder Abstand: Allein der Unterricht erfordere an vielen Stellen Berührungen. „Unser Unterricht basiert neben individuellen, passgenauen Lernangeboten für jede Schülerin und jeden Schüler vor allem auf einer guten Beziehung. Da ist ein enger Kontakt zu den Schülern, ein in den Arm nehmen und drücken oder gedrückt werden, nicht vermeidbar." Darüber hinaus benötigten einige Schüler Unterstützung beim Naseputzen, Gang zur Toilette oder Händewaschen. Schließlich gibt es auch Schüler mit körperlicher Behinderung, die Pflegemaßnahmen brauchen, wie Wickeln, Essen reichen oder An- und Ausziehen. „Da ist an einen Mindestabstand nicht mehr zu denken", argumentiert Thomas Kehm. Ganz abgesehen davon, wurde für sein Personal keine entsprechende Schutzausrüstung zur Verfügung gestellt.

Was es organisatorisch zu machen gab, hat Thomas Kehm mit seinem Team in der kurzen Zeit zwischen dem Bekanntwerden der Öffnung seiner Schule und dem ersten Schultag getan: Als erstes wurden die Klassen neu zusammengesetzt, so dass sie weitestgehend den Wohngruppen entsprachen. „Das können wir aber nicht komplett so durchziehen, weil es uns dafür an Personal und an Räumlichkeiten fehlt." Dennoch böte es zumindest ein wenig mehr Schutz, erhöht allerdings den Unterrichtsaufwand: „In unserer Arbeit leben wir von der Beziehung untereinander, aber jetzt müssen sich die Schüler erst einmal langsam an ihre neuen Mitschüler und ihre neue Umgebung gewöhnen", erläutert Kehm, „Wir betreiben hier viel Aufwand, aber das Ergebnis ist pädagogisch teilweise nicht befriedigend."

Die Sonderrolle, die den sonderpädagogischen Schulen mit den Förderschwerpunkten geistig und körperlich-motorischer Entwicklung zuteil wurde, wollen viele dieser Einrichtungen nicht. So gibt es eine Petition an die baden-württembergische Kultusministerin Susanne Eisenmann, die auf die Probleme hinweist – in der Hoffnung, dass die Einrichtungen beim nächsten Mal vielleicht vorher zu Rate gezogen werden.