50 Jahre Teilhabe und Selbstbestimmung
WARTHAUSEN - Vielfältige Eindrücke von der Arbeit einer Werkstatt für behinderte Menschen gab es beim Jubiläum der vor 50 Jahren gegründeten WfbM Biberach. Beim Tag der offenen Tür im Gewerbegebiet im Schachen in der Warthausener Teilgemeinde Birkenhard ließen sich die Besucherinnen und Besucher die Arbeit in den Werkstätten zeigen und erklären.

Der Tag der offenen Tür der WfbM Biberach stieß auf reges Interesse. Foto: Felix Kästle/St. Elisabeth-Stiftung
Die Holzanzünder sind ein Verkaufsschlager der WfbM Biberach. Die Käufer nützen sie, um das Feuer im Wohnzimmerkamin oder auf dem Gartengrill zuverlässig und umweltfreundlich zum Lodern zu bringen. „Es gibt keine besseren“, bestätigt eine Besucherin am dicht umlagerten Produktionsstand, an dem die nützlichen Helfer aus Holzwolle, Papprollen und gespendeten Wachsresten gefertigt werden. Beim Tag der offenen Tür konnte man die Herstellung der Holzanzünder live mitverfolgen.
Auch die Holzblumen und anderen bunten Deko-Figuren aus der WfbM sind gefragt, die Mitarbeitenden am Verkaufsstand kamen am Tag der offenen Tür kaum mit dem Einpacken hinterher. Haushaltsartikel wie Taschen, Kissen und Geschirrtücher sind der bekanntere Teil des WfbM-Sortiments.
Bei der Führung durch die Schlosserei und andere Teile der Werkstatt erfuhren die beeindruckten Besucher, dass in Warthausen auch anspruchsvolle Zulieferprodukte für die Industrie, etwa Magnetventile für Liebherr-Kühlschränke, unter professionellen Bedingungen hergestellt werden. Eine weitere Station war der Datenarchivierungs-Service der WfbM. Er nimmt nicht nur Kommunen die aufwendige Arbeit ab, viele tausend Seiten Papierdokumente auf digitale Datenträger zu übertragen. Hier kann auch jeder Eigner von Schallplatten oder Videobändern seine Schätze zukunftssicher auf Festplatte bannen lassen.
Ermöglicht werden diese Leistungen durch Fachkräfte mit pädagogischer und handwerklicher Ausbildung, die die Beschäftigten in der Werkstatt individuell fördern und begleiten. Der Anspruch dabei: Die Integration der Beschäftigten in einen Arbeitsbereich steht immer auch für gesellschaftliche Teilhabe und Anerkennung. Niederlassungsleiter Simon Kneißle: „Der Tag der offenen Tür war ein großer Erfolg, viele Besucherinnen und Besucher waren von der Vielfalt der Arbeitsplätze überrascht und haben uns ihre Anerkennung für unsere tägliche Arbeit ausgesprochen“.
Der Blick in die Zukunft der Werkstätten für behinderte Menschen war auch Thema beim Festakt, bei dem auch der Bundestagsabgeordnete Josef Rief und der Landtagsabgeordnete Thomas Dörflinger zum Gratulieren kamen. „50 Jahre Werkstatt für Menschen mit Behinderung bedeutet 50 Jahre Teilhabe und Selbstbestimmung, 50 Jahre Engagement und Erfolg“, sagte Andrea Thiele, Vorstandsprecherin der St. Elisabeth-Stiftung in ihrer Ansprache. Die Gründung war seinerzeit eine Pionierleistung, „1974 war der Gedanke, Menschen mit Behinderung durch angemessene Arbeit in die Gesellschaft einzubeziehen, noch sehr umstritten“. Davon könne heute keine Rede mehr sein: Die Qualität der Arbeit der 215 Beschäftigten der WfbM Biberach ist zertifiziert, „unsere Leistungen und Produkte werden von zahlreichen Firmen aus der Region nachgefragt“, betonte Andrea Thiele. Die Partnerschaft mit Firmen wie Liebherr „sind ein hervorragendes Beispiel dafür, dass Menschen mit Behinderung hochwertige Arbeit leisten und zum Erfolg unserer Region beitragen“. Die Beschäftigten „beweisen tagtäglich, dass jeder Mensch wertvolle Beiträge leisten kann, wenn er die richtige Unterstützung erhält“.
Die WfbM würden auch künftig benötigt, betonte die Vorständin: „Es ist nicht realistisch, alle Beschäftigten auf dem ersten Arbeitsmarkt zu vermitteln“, sagte sie mit Blick auf die aktuelle Diskussion um die zukünftige Ausrichtung der Werkstätten. „Ihr Erfolg darf nicht an der Vermittlungsquote in dem ersten Arbeitsmarkt gemessen werden“.
Biberachs Kreis-Sozialdezernentin Petra Alger teilte diese Vermutung. Rückblickend sei es die „richtige Entscheidung“ gewesen, am Campus in Warthausen-Birkenhard „einen modernen, barrierefreien Betrieb zu bauen“ – und er werde vermutlich noch lange gebraucht. Die Herausforderungen an die Qualifikation der Beschäftigten seien groß. Der Landkreis als Kostenträger der WfbM („gut angelegtes Geld“) arbeite eng mit der St. Elisabeth-Stiftung zusammen, um zukunftsfähige Konzepte für die Werkstätten zu entwickeln.
„Wir können viel von den Menschen mit Behinderung lernen“, sagte Warthausens Bürgermeister Wolfgang Jautz, der schon 2012 bei der Eröffnung des Neubaus in Birkenhard dabei war: „Sie haben einen anderen Blick, sie verhelfen uns zu neuen Einsichten“.
Heike Liebe vom langjährigen WfbM-Kunden Liebherr lobte die professionelle Arbeit ihres Zulieferers, der „in unserem internen Lieferanten-Rating sehr gut dasteht“. Die Werkstatt produziert Magnetventile für die in Ochsenhausen gefertigten Liebherr-Kühlschränke und liefert Halterungen und Beipackbeutel, „die dann weltweit auf die Reise gehen - eine schöne Vorstellung“. Heike Liebes Botschaft an die Mitarbeitenden und Beschäftigten der WfbM: „Wir spüren Ihre Werte, wir teilen sie. Und wir spüren, wie Sie mit Freude hinter Ihrer Arbeit stehen“.
