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18.12.2025

Poesie kennt keine Beeinträchtigung

Heggbach – Ein außergewöhnliches „Wortkonzert“ bescherten neun Menschen ihrem Publikum beim Poetry Slam der St. Elisabeth-Stiftung in Heggbach. Im Scheinwerferlicht der Festhalle wurde klar: Poesie kennt keine Beeinträchtigung.

Johanna und Halema präsentieren ihren Text mittels ihrer Talker und verzaubern das Publikum. Foto: Christoph Behm/St. Elisabeth-Stiftung

Einige der Wortakrobaten hatten zuvor einen von der Aktion Mensch geförderten, inklusiven Literatur-Workshop unter Leitung von Pauline Füg und Tobias Heyel absolviert, die auch den Poetry-Abend moderierten. Thema des Workshops: „Bauernkriege“. Eine durchaus herausfordernde Aufgabe, deren Ergebnisse sich in den Vorträgen auf ganz unterschiedliche Weise widerspiegelten.

Zum Beispiel bei Frank Klein. Er wurde aus Köln per Zoom zugeschaltet und erzählte von seiner persönlichen Auseinandersetzung mit einem weit verbreiteten Problem – dem Liebeskummer. Oder besser: Er ließ erzählen. Eine Computerstimme gab seine Worte wieder, die er zuvor eingegeben hatte. Denn Frank kann sich seit seiner Kindheit stimmlich nicht mehr artikulieren, nachdem die Operation eines Zungentumors schiefgelaufen ist. Anfangs hatte er sich geweigert, das Tablet als Kommunikationsmittel zu nutzen. Bis er sich verliebte und merkte: Es ist die einzige Möglichkeit, seine Gefühle auszudrücken. „Ich bin frei? Das ist gar nicht wahr, ich gehe durch die Hölle wegen dir“, heißt es in Franks Text. Mittlerweile schreibt er auch Songtexte, zum Beispiel für Schlagersänger Frank Lukas. Und er hält Vorträge und ermuntert andere Betroffene, mit technischer Hilfe zu kommunizieren.

Das tun beim Poetry Slam auch Johanna und Halema. Auf der Bühne erzählen sie im Zwiegespräch via Computerstimme über Oberflächlichkeit und Einzigartigkeit. „Wir sind wir. Ich bin ich. Aber wir sind auch nicht anders“, sagen sie. Was sie auf jeden Fall eint, ist der Humor. „Ich bin Langschläferin, andere nennen es Morgenmuffel“, erzählt Johanna. Normalerweise fährt sie auch einen hochmodernen Elektro-Rollstuhl wie Halima, doch derzeit nicht. Warum? „Meine Elektrik ist verreckt.“ Die beiden grinsen, und das Publikum lacht. Am Ende stellen die Poetinnen fest: „Wir haben eine Stimme und werden gehört.“ Moderatorin Pauline Füg freut sich über diesen „einzigartigen Poetry-Slam-Auftritt“ und ist überzeugt: „So etwas gab es in Deutschland vermutlich noch nie.“

Aber auch die anderen Auftritte sind besonders. Als mit einigen U-20-Titeln dekorierte „Profis“ entpuppen sich Madlenka und Niklas. Madlenka sinniert in ihrem literarischen Experiment „Winterkind“ über ihr ambivalentes Verhältnis zur kalten Jahreszeit. „Die Kahlheit macht mir Angst, sie ist eine Illusion des Sommers“, sagt sie und lässt die Zuhörer verwundert zurück mit Worten wie: „Wenn meine Finger taub werden, kann ich nicht anders, als den Winter schön zu finden.“ Niklas Text „Laternenlicht“ klagt mit bewegenden Sätzen die Ungerechtigkeiten der aktuellen politischen Situation in Deutschland und der Welt an. „Frieden ist ein Wort, das immer dann am lautesten ist, wenn woanders jemand schweigen muss“, findet er. Er macht sich Gedanken zum Anschlag in Hanau („Während das passiert, scrollt die Welt weiter. Auf und ab“), die Migration („Herkunft ist kein Wettbewerb“) und mahnt: „Mitgefühl ist keine verlorene Kunst, sondern eine Fähigkeit.“

Helmut, der in einer Wohngruppe in Biberach lebt, entschuldigt sich beim Reporter für seine „scharfen Angriffe“ zum Thema Ungerechtigkeit. Nachdem er als junger Mann zu Unrecht des Diebstahls beschuldigt worden sei, ergreift er auf der Bühne Partei für die Opfer von Folter in Nordkorea und Afghanistan und für Mädchen und junge Frauen, die unter Missbrauch leiden. „Sehr viele schauen einfach weg“, klagt Helmut.

„Kopf hoch“ lautet der Titel eines Textes von Joanne, die rät: „Nicht aufgeben, Tempo rausnehmen und durchatmen“. Weniger klar ist die Botschaft in „Gestern ist jetzt morgen“, einer Abhandlung über die Wirrungen des Lebens aus den Perspektiven von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Dagegen liefert Jessi eher leichtere Kost und eine Prise Humor mit ihrer Geschichte über einen Bauernhof und einer Reihe von „Elfchen“ – das sind Sätze aus elf Wörtern wie „Hühner legen bunte Eier, gackern den ganzen Tag – ei, ei, ei.“

Eine Lawine voller Humor schüttet zum guten Schluss Kai Bosch auf das vergnügte Publikum herab. Der erfahrene Poetry Slammer, der sich auf seiner Homepage als Speaker, Comedian, Inklusionsbotschafter und Mensch vorstellt, wurde mit einer Tetraspastik und Stottersymptomatik geboren. Diesen Beeinträchtigungen trotzt er mit einer gesunden Portion (Selbst-)Ironie, indem er etwa sagt: „Ja, ich bin mit Behinderung abhängig. Weil ich gerne mit anderen Menschen abhänge.“ Ohne den Zeigefinger zu heben, deckt der 28-Jährige bei seinen regelmäßigen Bühnenauftritten Vorurteile auf, wenn er zum Beispiel aus einem Zwiegespräch zitiert. Jens: „Kai, du sprichst ja so langsam. Bestimmt denkst du auch so langsam.“ Kai: „Und du hast gerade viel zu schnell gesprochen und viel zu langsam nachgedacht.“

Auch Kai Bosch hat mit seinem augenzwinkernden Einsatz für respektvolles Zusammenleben schon Poetry-Slam-Preise gewonnen. Doch darum ging es in Heggbach gar nicht. „Wir machen heute keinen Wettbewerb“, hatte Moderator Tobias Heyel zu Beginn gesagt – und wohl recht damit, als er sagte: „Ihr könntet euch gar nicht entscheiden, wer der Beste ist.“

Sieger gab es am Ende ohnehin zuhauf. Ob Künstler oder Zuhörer – viele gingen mit dem Hauptgewinn aus dem Saal: einem Lächeln im Gesicht.             

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