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29.04.2019
Heggbacher Wohnverbund

Trotz Handicap mit dem Fahrrad in die weite Welt

BIBERACH -  Wolfgang Schweizer hat sich den Weg in die Selbstständigkeit mühsam erkämpft. Tritt für Tritt auf dem Fahrrad. Als er 1973 aufgrund seiner Gehörlosigkeit in die damaligen Heggbacher Einrichtungen kam, lebte er in einer Wohngruppe, wechselte bald in eine Wohngemeinschaft und zog 2003 in eine kleine ambulant betreute Wohnung am Biberacher Sandberg.

Wolfgang Schweizer plant bereits die nächsten Rad-Reisen.

Als die Reporterin ihn zu Hause besucht, stehen Kaffee und Kuchen bereit. Der gelernte Maler, der bis zu seiner Pensionierung im Februar nach 48 Arbeitsjahren zuletzt als Beifahrer tätig war, berichtet über seine große Leidenschaft: Reisen, trotz seiner Behinderung. Ich muss genau hinhören, um zu verstehen, dass er bereits 34 Länder gesehen hat. Die ersten mit dem Freizeitbereich der Heggbacher Einrichtungen, einige mit einer Reiseorganisation für gehörlose Menschen. Außer vielen europäischen Destinationen konnte er dabei auch Syrien, Palästina, Israel, China, Kanada, die USA, Tansania und Ägypten kennenlernen. Erst im letzten Jahr reiste er im Bus bis zum Nordkap. Im Bus fuhr er bereits 1975 nach Rom und Sardinien, wie man in einem seiner liebevoll mit Postkarten gestalteten Alben sehen kann. Wenn sein Gegenüber nicht genau verstehen kann, was er berichtet, schreibt er ein paar Zeilen auf. Überhaupt schreibt der freundliche Mann sehr gerne. Seine ausführlichen Tagebuchaufzeichnungen will er als Reiseberichte in den PC tippen.
Die erste Fahrradtour unternahm er 1984 mit Heggbacher Betreuern an den Bodensee – damals noch auf einem Dreirad. Schon zwei Jahre später war er alleine mit einem Fahrrad unterwegs. Die Erzählung, wie seine Mutter damals geschimpft hat, als sie vom Alleingang ihres Sohnes erfuhr, untermalt er mit temperamentvollen Armbewegungen und explosiven Lauten. Auch als er ein Jahr später heimlich seinen Bruder in Tübingen besucht hat, war seine Mutter in ihrer Besorgtheit verärgert. Selbst als er sie zum Muttertag in Ravensburg überraschte, „war sie so sauer, dass wir sieben Wochen keinen Kontakt hatten“, erinnert sich der damals 35-jährige.  Er musste sich seine Selbstständigkeit hart erarbeiten, aber letztendlich war auch seine Mutter stolz auf ihn.
Da er als Rentner nun mehr Zeit hat, sind schon die nächsten Touren in Planung: Im Mai geht‘s mit dem Bus nach Spanien, im September mit dem Fahrrad der Isar entlang. Anregungen für seine Solo-Touren holt er sich unter anderem aus der Jugendherbergs-Zeitschrift.
Außer Reisen hat er noch ein Hobby: In seiner kleinen Werkstatt fertigt er Holzarbeiten. Die verkauft er auf dem Heggbacher Sommerfest und verschiedenen Adventsmärkten zugunsten einer indonesischen Missionsstation. Dorthin, nach Sumatra, würde er gerne auch noch reisen. Dafür muss er aber erst noch eine Weile sparen. Seit er 2016 in Tansania war, spendet er jeden Monat zehn Euro nach Afrika – für gehörlose Kinder.